Die erste Woche

Krebs Anfang erste Woche

Die erste Woche nach der Diagnose habe ich als extrem verwirrend in Erinnerung.

Wir hatten nur wenige Tage Zeit bis zum Beginn der Chemotherapie. Die Diagnose kam an einem Donnerstag, die Chemotherapie sollte am Montag darauf beginnen.

Was dachten oder sagten wir in diesen wenigen Tagen dazwischen?

Wir redeten über uns. Er sagte: „Ich möchte nicht mehr, dass wir weiterhin zusammen sind. Du sollst das nicht miterleben müssen.“ Ich sagte: „Ich bleibe bei dir. Egal was passiert. Zusammen schaffen wir das.“ Und das meinte ich ernst, genauso wie er. Er versuchte noch einmal, mich zu überreden, die Beziehung zu beenden. Aber ich blieb dabei. In guten wie in schlechten Zeiten, oder? Ich würde doch auch wollen, dass er für mich da ist, wenn ich an seiner Stelle wäre.

Ansonsten galt es, diese neue Situation erst einmal zu verarbeiten. Wir schworen uns, zu kämpfen. Dass wir es gemeinsam auf jeden Fall schaffen würden. Wenn jemand, dann wir. Wir redeten erst einmal mit niemandem darüber, wir wollten erst die Chemotherapie abwarten. Wir brauchten diese Zeit für uns – und viel davon hatten wir ja sowieso nicht.

Montag – Tag 1 der Chemotherapie

Wir mussten schon früh morgens im Sarkomzentrum erscheinen – auf dem Gelände der Uniklinik. Wieder einmal suchten wir, fragten uns durch. Die Stationen befanden sich in einem separaten Gebäude. Dort sollten wir auch eine Ärztin treffen, die uns noch einmal die weitere Vorgehensweise erklären wollte.

Wieder erschrak ich, wie jung die Ärztin war. Sie sah jünger als aus wir, um die Mitte 20. Nicht besonders vertrauenserweckend. „Kann man in diesem Alter schon Arzt sein?“, fragte ich mich. Sie war freundlich, aber kühl und distanziert. Nicht unbedingt, was wir uns in diesem Moment von ihr wünschten.

Wir stellten viele Fragen. Eine Frage, die immer wieder im Laufe der Erkrankung vorkommen sollte: „Was würden Sie an unserer Stelle tun?“ (Damit kann man Ärzte auf jeden Fall sehr in Verlegenheit bringen und ich hatte auch nie das Gefühl eine wirklich ehrliche Antwort zu erhalten.) Sie sagte uns, wir könnten uns noch einmal überlegen, ob wir die Chemotherapie anfangen wollen, aber was sollten wir tun? Wir hatten praktisch keine Wahl. Das gab sie uns auch zu verstehen.

Wie lange würde das alles dauern? Bis es, wenn möglich, überstanden sei? Das fragten wir auch. Sie sagte: „Kann man nicht so genau sagen. Aber sechs Monate bestimmt.“ Wir erschraken. So lange? Damals ahnten wir noch nicht, dass wir uns später gefreut hätten, wenn es wirklich „nur“ sechs Monate gewesen wären. Doch zu diesem Zeitpunkt kamen uns sechs Monate wie eine halbe Ewigkeit vor. Was war mit unseren Plänen für das Jahr?

Das Schlimmste war, dass er stationär dort bleiben musste – zwei Stunden von zuhause entfernt. Nur an den Wochenenden durfte er nach Hause, aber dann würde es ihm sehr schlecht gehen. Wochen- ja, monatelang.

Trotz allem starteten wir, wie geplant, am gleichen Tag mit der Chemo. Er musste direkt dort bleiben. Ein ZVK (Zentraler Venenkatheter) wurde gelegt – eine alptraumhafte Prozedur, die er im ganzen Krankheitsverlauf als eine der schlimmsten Erfahrungen bezeichnen sollte – bis zum Schluss. Eine kleine Operation bei vollem Bewusstsein, auf die wir nicht vorbereitet waren. Er tat mir so leid. War nicht alles schon schlimm genug? Durch diesen ZVK sollte er dann die Chemotherapie verabreicht bekommen, bis zu 10 Stunden täglich.

Wir hatten erst wenige Tage zuvor erfahren, dass er überhaupt Krebs hat. Und nun waren wir mitten drin. Wir verstanden überhaupt nicht, was da mit uns geschah. Und niemand erklärte es uns so richtig. Wir fühlten uns verloren. Wir hatten Angst. Wir standen alleine im Regen, und niemand holte uns ab.

Unser Therapie-Hürdenlauf begann. Alles, was wir uns jemals gewünscht hatten für unser Leben, geriet ins Wanken und begann sich aufzulösen.

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