Die Diagnose

Diagnose Krebs

„Meine Schulter tut weh.“

Mit diesem Satz fing alles an. Der Anfang vom Ende sozusagen.

Ich weiß noch, wie er ihn zu mir sagte. Ich sagte darauf etwas wie „Okay, du solltest deswegen vielleicht mal zum Arzt gehen.“ Ich hatte ihn schon öfter gebeten, etwas besser auf seine Gesundheit zu achten und gelegentlich auch mal einen Arzt aufzusuchen, weil er das nie tat. Und ich war mir fast sicher, dass eine schmerzende Schulter für ihn auch kein ausreichender Grund sein würde, wirklich mal einen Termin auszumachen. Umso überraschter war ich, als er mich eines Tages von der Arbeit anrief, und sagte er würde heute eher Feierabend machen, um zum Arzt zu gehen. Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Etwas Sorge keimte in mir auf.

Rückblickend betrachtet, war dass ebenfalls das Ende der Sorglosigkeit. Ab diesem Moment sollte nie mehr etwas so sein wie zuvor.


Ein Knoten.

Denn was der Arzt dann sagte, war alles andere als beruhigend. Ein großer Knoten befand sich unterhalb des Schlüsselbeins. Adi hatte ihn auch schon ertastet, mir aber davon nichts gesagt. Es bestand direkt der Verdacht auf Krebs. Sogar schon relativ spezifisch: Verdacht auf ein Sarkom.

Natürlich wollten wir uns das noch nicht eingestehen. Es musste einfach ein Irrtum sein. Es würde noch alles gut ausgehen.


Die 1. Biopsie

Um herauszufinden, ob es wirklich Krebs ist, musste zunächst eine Biopsie durchgeführt werden. Er wurde direkt in das lokale Krankenhaus überwiesen, dort wurde ihm vorsichtig etwas Gewerbe entnommen. Kein großer, aber ein emotional belastender Eingriff.

Bis zur endgültigen Diagnose mussten wir zwei (!) extrem lange Monate warten.

Z W E I  M O N A T E !

Wir hatten beide so große Angst.


Der Tag der Diagnose

Da dass Gewebe schon in einem der wenigen Sarkomzentren Deutschlands (Uniklinik) untersucht wurde, mussten wir auch dorthin, um die Diagnose zu erhalten. Eine etwa zweistündige Strecke.

Es war ein extrem grauer Tag im Januar. Es lag Schneematsch und es nieselte Matsch vom Himmel. Ich dachte still für mich: „Das ist kein gutes Zeichen.

Wir redeten beide nicht viel auf der Fahrt.

Dort angekommen, mussten wir uns zunächst auf dem riesigen Gelände zurecht finden. Eher eine kleine Stadt, als ein Krankenhaus. Wir irrten eine Weile herum. Irgendwann ging es ein Treppenhaus hoch, das klein, beengt und hässlich war. Mir ging durch den Kopf, dass wir hier nicht richtig sein können. Hinter einer Tür kam die wohl größte Krankenhausanmeldung zum Vorschein, die ich jemals gesehen habe. Ungefähr zehn Plätze, allein für die Anmeldung. Wir wurden mit Dokumenten überhäuft, die Adi auszufüllen hatte. Unter anderem Fragebögen über Datenerhebung, Verfahren nach möglichem Tod (Forschungszwecke), solche Sachen. Dann sollten wir in einem ebenfalls großen Wartebereich Platz nehmen. Mindestens 30 Plätze, voll besetzt. Viele Patienten mit Amputationen. Angst.

S T U N D E N L A N G.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort saßen, aber es war eine gefühlte Ewigkeit (und nicht nur gefühlt, ich glaube mindestens 1,5 Stunden haben wir tatsächlich dort verbracht). Wortlos und erstarrt.

Dann der Moment, auf den wir gewartet und den wir gefürchtet hatten: ein Arzt kam rein und rief uns auf. Er war überraschend jung. Ich versuchte aus seinem Gesicht zu lesen, was er uns gleich hinter geschlossenen Türen sagen würde. Doch ich sah nichts eindeutiges. Hoffnung.

Wir folgten ihm durch die Gänge in ein Zimmer. Ein Computer stand vor dem Fenster in der Ecke. Der Raum war klein und kalt.

Er schaute kurz auf seinen Rechner, drehte sich um, faltete seine Hände und sagte „Ich habe sehr schlechte Nachrichten für Sie.“ Aus dem Augenwinkel sah ich, wie mein Freund in sich zusammensackte. Als wäre alle Kraft und Luft auf einmal aus ihm entwichen. Ich dachte gehetzt: „Ich muss das jetzt regeln! Ich muss zuhören! Er kann das jetzt nicht! Konzentriere dich!“

Und ich verstand nichts. Nur dass es ein „extrem bösartiger Tumor“ ist, wie er sich ausdrückte. Dass es nicht leicht wird für meinen Freund. Dass der Zustand gefährlich sei. Der Rest war ein undeutbarer Wust aus Fachwörtern, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte, aber noch allzu gut kennenlernen würde.

Dann schob er uns hinaus auf den Flur, sagte, wir müssten noch den Chefarzt treffen, um den weiteren Verlauf zu besprechen. Da saßen wir, in dem Flur, tausend Leute gingen an uns vorbei und wir waren wie betäubt. Tränen liefen.

Der Chefarzt war nett. Sein Raum war ganz anders als der zuvor. Dunkles Holz, warm, pompös. Aber wir waren überfordert und konnten kaum verstehen, was er uns zu sagen hatte. Wir hörten nur, dass wir schon vier Tage später mit einer extrem starken Chemotherapie anfangen würden, die er sogar stationär bekommen müsste.

Das waren zu viele Informationen für einen Tag. An die Rückfahrt kann ich mich kaum noch erinnern.

Ich weiß nur noch, dass wir uns zuhause angekommen in den Armen hielten und weinten. Danach weinten wir lange nicht mehr.

Der Kampf gegen den Krebs begann.

Zeitliche Einordnung

Erster Arztbesuch: November 2015

Diagnose im Sarkomzentrum: Januar 2016


Die ganze Geschichte

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