Containern: Lebensmittel aus dem Abfall

Lebensmittel aus Containern

Ich habe einen netten jungen Herren kennengelernt, der erzählte, dass er seine Nahrung größtenteils aus Supermarkt-Containern (also aus dem Müll) bezieht und beschlossen ihn für einen Zeitungsartikel zu begleiten (erschienen 2014 in dem lokalen Kulturmagazin, das ich als ‚feste Freie‘ regelmäßig unterstütze). Hier möchte ich ihn noch einmal veröffentlichen. Die Fotos stammen natürlich ebenfalls von mir – und ja, sie zeigen alle Situationen aus der beschriebenen Nacht oder die originalen Lebensmittel, die in dieser Nacht „erbeutet“ wurden – das gilt auch für das Titelbild.

Was ist Containern überhaupt?

Containern ist das Mitnehmen weggeworfener Lebensmittel aus Müllbehältern.

  • Laut einer Studie der Uni Stuttgart landen in Deutschland jährlich rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall.
  • Am häufigsten weggeworfen werden Obst und Gemüse, sie machen 44 Prozent aller vermeidbaren Lebensmittelabfälle aus – ein Hauptgrund dafür ist, dass der Kunde nach absoluter Perfektion verlangt und selbst kleine Makel nicht akzeptiert.

Reportage / Erfahrungsbericht

Nachts zum Supermarkt

Containern Supermarkt

Es ist Donnerstag, der Uhrzeiger geht gen Mitternacht. Patrick, der sich noch in der Ausbildung befindet, sitzt im Schneidersitz auf dem Küchenboden und sortiert eifrig Brot, Weintrauben, Tomaten, Äpfel, Fertigsuppen, Käse, Milch, Süßigkeiten und noch vieles mehr. Er ist zufrieden mit der „Beute“ dieser Nacht, mit der man bestimmt einen ganzen Einkaufswagen hätte füllen können. „Beute“, weil Patrick sich nur selten sein Essen aus hell ausgeleuchteten Supermarktregalen nimmt, sondern sich nachts aus einsamen Entsorgungsbehältern der lokal ansässigen Supermarktketten sucht, was er zum Leben benötigt. Und damit ist er in Deutschland nicht alleine: das so genanten Containern (auch „Dumpstern“ genannt) ist weit verbreitet. Bedürftige, finanzschwache Studenten, aber auch politische Aktivisten sind die Motoren dieser Bewegung.

Eine Stunde zuvor, die Stadt ist menschenleer, es scheint als wäre sonst niemand mehr unterwegs. Heute ist ausnahmsweise ein Freund von Patrick dabei, der gerade zu Besuch ist. Der Parkplatz des Supermarktes wirkt gespenstisch durch die etwas ungewohnte Menschenleere, doch Patrick stört das nicht, er kennt das schon. Viel dabei hat er nicht, nur einen Rucksack und ein paar Plastiktüten.

„Das mache ich schon ein paar Jahre so, und es macht auch einen großen Teil meiner Ernährung aus. Nicht nur aus finanziellen Gründen, auch wenn es natürlich immer toll ist, Geld zu sparen, sondern auch, weil es mich so ärgert, wie viele gute, absolut noch genießbare Nahrung einfach weggeworfen wird“, erzählt er. „Mir ging es von dem Essen auch noch nie schlecht, die gesetzliche Mindesthaltbarkeitsdatum liegen ja meistens deutlich vor dem eigentlichen Verderben, und vieles wird ja nur weggeschmissen weil die Packung eine Beule hat.“

Containern Containerer

Er geht zielstrebig zu den Abfallcontainern, öffnet den Decke des ersten und schaut hinein, das Behältnis ist gut bis zur Hälfte gefüllt, Obst und Gemüse lieben dabei lose und bunt zusammengewürfelt zwischen eingeschweißten Lebensmitteln. Ein bisschen wüst sieht es schon aus, doch Patrick greift ohne Scheu hinein. Sein Freund hingegen hat sich Einweg-Gummihandschuhe mitgenommen, doch schon kurze Zeit später steigt auch er ziemlich hemmungslos direkt mit beiden Beinen in die Tonne. Der Inhalt ist sonst zu schwer zu erreichen, „besonders die unteren Schichten“.

Containern Supermarkt
Blick in den Müllcontainer

Konflikt mit dem Gesetz

Dass es gesetzlich verboten ist, stört Patrick nicht sehr. „Das geht doch gegen den klaren Menschenverstand: Jemand, der Hunger hat, nimmt sich Essen, das andere weggeworfen haben – und das macht ihn dann zum Dieb? Für mich ergibt das keinen Sinn – besonders wenn man bemerkt, wie am Ende des Monats manchmal schon Menschen vor dem Supermarkt stehen und darauf warten, dass er endlich schließt, damit sie nachsehen können, was sie in den Containern finden.“

Für den Auszubildenden ist das „Mülltauchen“ eher eine Form des stillen Protestes, der ein Zeichen setzen soll gegen Lebensmittelverschwendung und die unsoziale Gesetzeslage in diesem Bereich. „Und natürlich macht es auch ein bisschen Spaß – man weiß schließlich nie, was man bekommt, das ist manchmal spannend“, fügt er augenzwinkernd hinzu. Doch dann wird er schnell wieder ernst: „In der Schweiz und in Österreich sind die Gesetze deutlich besser in dieser Angelegenheit, dort darf man sich ohne Angst vor gesetzlicher Verfolgung Lebensmittel aus Containern nehmen – das sollte sich hier auch ändern.“

Containern Supermarkt
Die „Beute“

Manchmal nehme er auch mehr mit, als er eigentlich braucht, fügt er hinzu: einfach nur weil es so schwer falle, makelloses Essen zurückzulassen. Besonders beim Obst und Gemüse stelle man sich häufig die Frage, warum es jetzt im Müll gelandet ist. „Und dann gibt es ja noch die anderen Containerer, mit denen man sich austauschen kann. Oft man man einen Überschuss von bestimmten Produkten, weil einfach an dem Tag besonders viel davon weggeschmissen wurde, dann tauscht man sich einfach mit anderen aus, die etwas anderes vielleicht besonders häufig gefunden haben und so entsteht doch wieder eine Art Angebot, wo es zuvor keines gab.“ An dieser Stelle schaltet sich der Freund noch einmal ein: „Ach, wo du es sagst, ich soll dich von einem Bekannten fragen, ob du Lust hättest, mit ihm ebenfalls Sachen auszutauschen?“ „Klar! Gib mir mal seine Nummer!“

Lebensmittel aus Containern Äpfel
Diese Äpfel lagen auch im Supermarkt-Container

 

Was denkt ihr über das Thema? Hinterlasst mir doch einen Kommentar!

 




2 thoughts on “Containern: Lebensmittel aus dem Abfall

  1. Das ist ein sehr sehr schwieriges Thema, auch 2017 noch!
    Ich persönlich mache das ganze bereits seit knapp 3 Jahren und verstehe leider nicht wie es sein kann, dass wir in einem Land leben in dem wir das ganze unterstützen in dem wir lieber wegsehen.

    Ich für meinen Teil kenne viele, die selbst nichts dagegen unternehmen und teilweise auch das ganze belustigen. Noch schlimmer ist für mich jedoch, dass man immer wieder Personen begegnet, die noch nie etwas davon erfahren haben.

    Aus diesem Grund habe ich September 2016 einen eigenen Blog erstellt auf dem ich versuche regelmäßig von meinen Erfahrungen in Nürnberg zu erzählen und aktiv auf das Problem aufmerksam zu machen! 🙂

    1. Hallo Alexandru, danke für deinen Kommentar!

      Durch meinen Artikel habe ich mich ja auch etwas mit dem Thema beschäftigt, und war persönlich auch sehr erschrocken – einerseits, dass so hochwertige Lebensmittel im Abfall landen, andererseits dass es illegal ist, sich diese zu nehmen. Da gebe ich dir also vollkommen recht. Ich finde es toll, dass du dich einsetzt und die Bewegung am Leben erhältst.

      Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg damit! 🙂

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